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Zooarchaeologie 2012-2014

Zooarchaeologie 2012-2014 (K. Kunst)

Günther Karl Kunst

 

Während der Grabungs- und Aufarbeitungskampagnen der Jahre 2012-2014 konnten im Grabungshaus in Oymaağaç Tierreste aus fünf verschiedenen Grabungsbereichen des Oymaağaç Höyük untersucht werden. Im Einzelnen handelt es sich dabei um die folgenden Quadranten, wobei jeweils die Anzahl der bislang beurteilten Tierreste, deren Gesamtgewicht und die Anzahl der untersuchten Loci angegeben werden.

 

Quadrant 7383 – 6917 Reste, 33,3 kg Gesamtgewicht, aus 142 Loci.

im südöstlichen Teil des Grabungsfeldes gelegen, umfasst eine Ecke des Palastes und das Vorgelände; neben mittel- und spätbronzezeitlichen Siedlungsschichten sind hier auch frühbronzezeitliche Strukturen vorhanden, in denen häufig Feuerbeeinflussung festzustellen ist. Die bisher untersuchten Tierreste stammen daher im Wesentlichen aus mittel- und spätbronzezeitlichen Ablagerungen und Oberflächen, daneben aus frühbronzezeitlichen Strukturen (Installationen). Es können daher sowohl eine zeitliche Abfolge, als auch unterschiedliche Ablagerungsmilieus, innerhalb der Bronzezeit verglichen werden. Die Tierreste aus einem besonders interessanten Bereich, der ummauerten Struktur („Zisterne“) wurden noch nicht ausgewertet.

 

Quadrant 7389 – 4010 Reste, 15,2 kg Gesamtgewicht, aus 48 Loci

Am nordwestlichen Rand des Grabungsfeldes, umfasst dieses Areal im Wesentlichen außerhalb der Bebauung gelegene Flächen, nur im südöstlichen Eck wurden auch Mauerreste angetroffen. Die bisher gesammelten und ausgewerteten Tierknochenproben stammen in erster Linie aus eisenzeitlichen Ablagerungen und Grubenfüllungen („Grubenhorizont“), nur wenige Reste können der Frühen Eisenzeit sowie der Mittel- und Spätbronzezeit zugewiesen werden.

 

Quadrant 7488 – 1647 Reste, 4,2 kg Gesamtgewicht, aus 64 Loci

Im nördlichen Bereich des Tempels gelegen, umfasst dieser Quadrant vorwiegend architekturnahe Bereiche aus der Bronzezeit (z.B. Versturzschichten), teilweise auch aus der Frühen Eisenzeit, deren Beurteilung noch nicht abgeschlossen ist. Die vorherrschende geringe Fragmentgröße, das häufige Vorkommen von bearbeiteten Knochen sowie die eher eintönige Tierartenzusammensetzung deuten darauf hin, dass hier vor allem Abfälle aus (inner)häuslichen Aktivitätsbereichen zur Ablagerung gelangt sind.

 

Quadrant 7588 – 1591 Reste, 7,1 kg Gesamtgewicht, aus 40 Loci

Gelegen im Bereich der nordöstlichen Ecke des Tempels, lieferte dieser Quadrant sehr bemerkenswerte Tierknochenassoziationen, die in dieser Form noch in keinem anderen Bereich des Grabungsareals, vielleicht mit Ausnahme von 7383, angetroffen wurden. Die Proben, deren abschließende Bewertung noch aussteht, beinhalten teilweise sehr große bzw. vollständige Knochen. Der Herkunft nach stammen diese durchwegs aus Grubenverfüllungen der Eisenzeit, teilweise auch der Frühen Eisenzeit. Daneben liegen auch kleinstückige, vielfach hitzebeeinflusste bronzezeitliche Proben vor, die wiederum aus Architketurbereichen (z.B. Versturzschichten) stammen. Innerhalb dieses Quadranten kann daher die chronologische und faziell/kontextuelle Entwicklung gut verfolgt werden.

 

Quadrant 7685 – 3728 Reste, 10,3 kg Gesamtgewicht, aus 74 Loci

Dieser Quadrant umfasst den Eingangsbereich des Tempels und grenzt an den Torbereich, weshalb viele Proben aus Kontexten stammen, die von Architekturelementen bestimmt sind. Dies schlägt sich in der hohen Zahl von Loci und dem geringen Gesamtgewicht nieder, nachdem es sich eher um kleinstückige Reste handelt. Das Material stammt vorwiegend aus undifferenziert mittel/spätbronzezeitlichen Ablagerungen sowie aus Ablagerungen, Oberflächen und Grubenverfüllungen, die der Spätbronzezeit zugewiesen sind. Daneben ist auch eine größere Anzahl von Tierknochen aus eisenzeitlichen Gruben vorhanden, sodass innerhalb dieses Areals auch eine zeitliche Abfolge studiert werden kann.

 

Bisher wurden somit 17893 Tierreste mit einem Gesamtgewicht von über 70 kg aus 368 Loci einer Beurteilung unterzogen und einer taxonomischen Kategorie oder einer Größengruppe (Rind, Schaf/Ziege, …) zugewiesen.

Nachdem die meisten Proben von den Resten der wichtigen Haussäugetiere Rind, Schaf, Ziege und Schwein dominiert werden, ist eine Charakterisierung durch die Mengenverhältnisse dieser Gruppen möglich. Reste von Equiden, Hunden, Wildsäugetieren und Vögeln spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. Insbesondere die Reste von Pferden und vom Rothirsch scheinen auf bestimmte Befundtypen oder Zeitperioden beschränkt zu sein. Hirschreste, einschließlich der Geweihfunde, fanden sich bislang fast ausschließlich in eisenzeitlichen Grubenverfüllungen. Bemerkenswert sind jedoch Nachweise von Mikrovertebraten (Amphibien, Reptilien, Kleinsäugern), die keineswegs immer als Intrusiva  verstanden werden müssen. In einigen Fällen (Kröten, Frösche) lassen sie Rückschlüsse auf vergangenen Umweltverhältnisse oder auf besondere Ernährungsmuster (Schildkröten) zu. Von besonderem Interesse sind sicherlich auch zwei Funde von Schulterblättern des Braunbären, jeweils aus einer eisenzeitlichen Grube in Quadrant 7588 und einer mittel/spätbronzezeitlichen Ablagerung in Quadrant 7383, welche massive Hackspuren aufweisen.

Eine besondere Stärke des Untersuchungsmaterials bzw. der Fundstelle besteht aber weniger im Auftreten seltener oder spektakulärer Arten oder Objekte, sondern darin, dass in den meisten wesentlichen Befunden Tierknochen in ausreichender Menge vorhanden sind, um einen Vergleich ihrer Verteilung innerhalb der Fundstelle zu ermöglichen (intra-site analysis). Dabei kann vor allem das Auftreten der Hauptwirtschaftstiere in chronologischer Hinsicht, aber auch zwischen den einzelnen Befundtypen, studiert werden. Ein methodisches Problem stellt dabei natürlich der Umstand dar, dass die bronzezeitlichen Abschnitte vorwiegend durch Ablagerungen bzw. durch architekturnahe Befunde, die Eisenzeit dagegen meist durch Grubenverfüllungen vertreten ist. Andererseits existieren auch in der Bronzezeit tiefe, raumgreifende Strukturen (vgl. „Zisterne“).

In den bereits eingehender untersuchten Quadranten 7383, 7389 und 7685 zeichneten sich Trends ab, die einen Zusammenhang zwischen chronologischer Stellung und Ablagerungsmilieu einerseits und der quantitativen Tierartenzusammensetzung andererseits erkennen lassen. So ist der Anteil von Rindern und Schweinen in der Eisenzeit, aber auch in Grubenbefunden insgesamt, tendenziell höher als in der Bronzezeit und in den architekturnahen Befunden, wo die Kleinwiederkäuer dominieren. In einer Darstellung mit Dreiecksdiagrammen werden überdies extrem liegende Werteverteilungen gut sichtbar. Während die eisenzeitlichen Gruben und Ablagerungen in Quadrant 7389, aber auch die bronzezeitlichen Befunde in Quadrant 7383 eine hohe Variabilität in ihrer Artenzusammensetzung aufweisen, wirken die Proben aus Quadrant 7685 überaus einheitlich im Bereich hoher Schaf/Ziegendichte konzentriert. Besonders eindrucksvoll sind Proben mit fast vollständiger Schaf/Ziegendominanz, die in manchen bronzezeitlichen Ablagerungen bzw. Gehniveaus der Quadranten 7685 und 7383 auftreten und mit den Ansammlungen von Miniaturgefäßen zusammenfallen. Diese Tierknochenassoziationen wiesen überdies eine stark eingeschränkte Skelettteilrepräsentanz sowie eine hohe Frequenz von Zerlegungsspuren auf, sodass an die erhaltene Speisereste von organisierten Mahlzeiten (Kultmählern, feasts) zu denken ist. Ein weiterer, wesentlicher Anzeiger der unterschiedlichen Erhaltungszustände, oder aber für die Funktionalität der verschiedenen archäologischen Kontexte, ist im Auftreten von bearbeiteten Knochen und Werkstoffabfall, die in sehr unterschiedlichen Anteilen vorhanden sind, zu sehen.

Eine Fortsetzung der streng kontextuell orientierten Tierknochenanalysen, welche durch die vorhandene Datenbank ermöglicht wird, und deren Integration mit der Befundauswertung und den Untersuchungen der übrigen Fundgruppen, erscheinen daher als besonders dringliche Aufgaben. Wie die Untersuchungen in Quadrant 7588 in der diesjährigen Grabungssaison gezeigt haben, treten immer wieder neue Erhaltungszustände bzw. taphonomische Milieus in Erscheinung, welche unsere Kenntnis der „Tierknochenlandschaft“ am Oymaağaç Höyük erweitern.

 

 
 
 
Kategorie
Berichte 2014
Angelegt von
Dr. Günther Karl Kunst
Anlage
14.01.2015 16:34
letzte Änderung
04.05.2015 18:06
durch
Prof. Dr. Rainer M. Czichon
   
 

 

 

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